Nerven behalten beim Blättern – ein aufregender Job!


Klar, an die Blätter-Technik beim Smartphone und den e-Readern muss man sich ein wenig gewöhnen, aber was bitteschön ist daran aufregend?? 

Es gibt ein paar skurille “Pöstchen” in der Musikbibliothek. Ein besonders aufwühlender Job wird häufig unterschätzt: Umblätterer bei Konzerten. Man nennt ihn im Amtsdeutsch auch Notenwender. Er muss während des ganzen Konzerts im Rampenlicht am Klavier sitzen, hoch konzentriert die Noten verfolgen, im entscheidenden Moment aufstehen, zügig umblättern, bei Wiederholungen auch mal zurückblättern (auch mal über mehrere Seiten, ganz blöd! ) und trägt  einen Haufen Verantwortung für das Gelingen des Konzerts.  Keinesfalls darf er die ohnehin unter Lampenfieber leidenden Künstler zusätzlich nerven.

Es kann wirklich SEHR viel schief gehen: Anfänger stehen erst auf und blättern, wenn der entnervte Pianist ein Zeichen gibt. Kommen völlig raus. Oder reißen vor Aufregung gleich mehrere Blätter rum oder -schlimmer– ganz runter. Manche stehen auch lieber als sie sitzen und irritieren den armen Pianisten durch Rumhampeln.  [ Nicht immer muss geblättert werden: Solopianisten haben gefälligst auswendig zu spielen und Liedbegleiter haben meist einen Wust hoch kunstvoll ineinander verwuselter Kopien und kommen damit (erstaunlicherweise) klar. Aber bei Kammermusik ist er gefragt!]

Wo bitte geht es hier zur Seite 12??

Schumann: Klavierquartett op. 47, 1. Satz

Schumann: Klavierquartett op. 47, 1. Satz

Der ideale Umblätterer hat viel von einem alten englischen Butler:

  • taucht pünktlich vor der Künstlergarderobe auf und klopft artig
  • richtet sich ganz nach den Wünschen der Künstler  (“Also, beim Menuett flöten wir einfach auf die Wiederholung und Achtung; den letzten Satz nehmen wir dann höllisch flott” – na dann, viel Spaß…!)
  • wird idealerweise weder akustisch, visuell, noch olfaktorisch besonders wahr genommen
  • lässt sich von komplizierten Werken der Neuen Musik nicht abschrecken
  • sollte idealerweise die Stücke kennen – oder sehr gut und ggf. sehr schnell mitlesen können
  • hat natürlich an dem betreffenden Abend NIE was anderes vor!
  • ist mit dem eher bescheidenen Schmerzensgeld zufrieden
  • verfügt über eine stabile Psyche – schuld ist im Zweifelsfall ER

Seit vielen Jahren machte den Job im Schumannhaus ein musikkundiger EDV-Fachmann und Vater dreier Kinder, bis er verständlicherweise  neulich ankündigte, dass er in Zukunft abends lieber daheim beiben würde: Da  hätte ich am liebsten geheult. Zum Glück gibt es immer Leute, die den Adrealin-Kick lieben:  Jetzt ist eine aufmerksame  Abiturientin auf dem Weg zum Musikstudium seine Nachfolgerin –  im Wechsel mit einem empfindsamen japanischen Geiger.  Klar ist: Ein guter Blätterer ist eine der vielen zu  wenig beachteten Heldengestalten im System der Stadtbibliothek!! Vielleicht gehört diese Gestalt schon bald der Vergangenheit an, falls sich elektronische Noten auf dem Pult duchsetzen sollten…

Katrin Reinhold

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Das ist los, Hinter der Theke veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Nerven behalten beim Blättern – ein aufregender Job!

  1. Silva Tegethof schreibt:

    Elektronische Noten blättern sich aber sicherlich auch nicht von selbst an der richtigen Stelle um oder? Spielt doch jeder ein bisschen anders?

  2. Nadin Cicek schreibt:

    Wenn Apps über eine kleine Tonaufnahme herausfinden können, welches Lied du dir gerade anhörst, können elektronische Noten sicherlich auch hören wann sie umblättern sollen. So stelle ich mir das zumindest vor 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s