„Gedrucktes gelesen – Günters Grasstrommel!“


Dieses sprachvirtuose Zitat stammt vom feinsinnigen Heinz Ehrhardt – heute hätte er vielleicht gedichtet: „ ganz großes Genie gegangen – geweint!“ Oder vielleicht hätte er als Mann von Stil und Etikette zunächst ein paar Tage gewartet,  denn die frühe Bundesrepublik hätte ihm wohl Komik, auch wenn sie denn in tragikomischem Gewand gekommen wäre, angesichts des Todes eines Prominenten nicht verziehen – als Teilzeit-Blogger der Generation Laminat ist man da im Allgemeinen weniger feinfühlig – was aktuell ist, wird mit einem Minimum an Sachkenntnis kommentiert, zumal man im Gegensatz zum Olymp feuilletonistischer Literaturkritik den 87jährigen Autor auch nicht seit Jahren in der Schublade (nunmehr wohl eher der Datei) für Nachrufe hat. Man darf hoffen, dass das FAZ-Archiv im Nachlass Frank Schirrmachers dessen Epitaph auf Grass noch gefunden hat – übrigens wäre es wohl ein Feld für Literaturforscher mit Hang zur Tragikomik, sich mit Nachrufentwürfen in den Schubladen viel zu früh verstorbener Kritiker zu befassen. – Heinz Ehrhardts Zitat eignet sich vielleicht insofern als Überschrift dieser Miniaturessays, als sie im Grunde genommen genial Günter Grass gemeinhin größtes Gedankengebäude (auch hier schickt die Alliteration wieder ihre gnädigen Grüße gen Graurheindorf), in nur vier (!) Wörtern in Beziehung zu seiner Leserschaft setzt – ja, der große Roman der Danziger Trilogie wurde tatsächlich auf Papier gedruckt UND auch noch gelesen  – nicht nur vom Protagonisten des Erhardtschen Sketches, in dem alle Wörter mit „G“ begannen und bei dem die Lektüre des Romans „Die Blechtrommel“ als Ausrede herhielt, als der „gehörnte Gatte Galle geifert“.  Jedenfalls ist es sehr wohltuend für die Bloggerwelt, dass bereits der Komiker Erhardt seinen doch eher grantelnden (Über-)Kollegen auf so kleinkünstlerische Weise ehrt – also quasi als Kreidezeit-Blogger. Als Kind hörte ich die Erhardt-Platte und hatte an den  Wortmalereien der „Grasstrommel“ meinen Spaß, bevor ich viel später tatsächlich die Blechtrommel las. Sigrid Löffler bezeichnete Grass ja als einen, auf den das Sartre-Zitat vom Intellektuellen passe, der sich immer um das kümmere, was ihn nichts angehe –  das haben der Großkünstler Grass und der Kleinkünstler Erhardt vielleicht gemeinsam; beide waren widerborstig und querdenkend auf ihre Weise : falls man in Nachruf-Blogs Wünsche an die gute Fee Kulturella äußern darf, dann diesen: dass Grass nicht nach dem „Beerdigungs-Hype“, bei dem man von dem „Frischgestorbenen immer gutes sagen muss“ (Reinhard Mey) von der Nachlass-Schublade in der Ablage „P“ einer längt vergangenen Ära der Bundesrepublik landen sollte, einer Bundesrepublik, in der Komödianten noch spießig aussehen und Literaten noch kauzig sein durften – man könnte beide auch mal wieder LESEN – der Online-Katalog der Stadtbibliothek Bonn verzeichnet bei Grass 67  selbst verfasste Werke, bei Erhardt immerhin 19.

Geschrieben von Katrin Reinhold

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Eine Antwort zu „Gedrucktes gelesen – Günters Grasstrommel!“

  1. elkejanssen schreibt:

    Großartig! und witzig geschrieben, mal ein etwas anderer Nachruf. Vielen Dank!!!

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